Opinel
Mai 16, 2008 by Henry Jakob Schmidt
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Als ich etwa Acht war, brachte mir meine Mutter von einer Elsass Reise ein kleines Opinel Messerchen mit. Ich war begeistert - ein Messer, Hurra! Es war Sommer, also steckte ich es gleich in die Hosentasche meiner Shorts und rannte begeistert nach draußen und erklimmte wenig später meinen Lieblingsbaum. Auf meinem Lieblingsast meines Lieblingsbaumes angekommen, griff ich in meine Tasche, um mit dem neuen Messerechen meine Initialien ins Holz zu ritzen. Aber das Messer war weg. Ich suchte unter dem Baum, zwanzigmal an diesem Tag, den ganzen Weg zurück und noch Tage danach und heulte jämmerlich. So eng können Glück und Unglück also beieinander liegen. Die Versicherung, dass ich ein neues bekäme nutzte nichts. Ich bekam auch nie ein neues. Den Baum gibt es immer noch und die fehlenden Initialien erinnern mich noch heute an: Opinel. Überhaupt wurde das Opinel dadurch enorm aufgeladen. Als ich mir irgendwann selbst eines kaufte (die klassische Größe), war ich fast erstaunt wie simpel das Messer ist.
Tatsächlich ist ein Opinel nüchtern betrachtet nur ein simples, preiswertes Klappmesser mit Holzgriff. Das einfache, für die Landarbeit entwickelte Messer wurde über die Jahre in Funktion und Form nur geringfügig verändert und weiterentwickelt. Das Opinel wird seit Ende des 19. Jahrhunderts vom gleichnamigen Unternehmen im französischen Savoyen hergestellt und ist heute weltweit bekannt und in millionenfacher Stückzahl verbreitet - ein echter KlassikerIn der Werkstatt seines Vaters, des Werkzeugmachers im kleinen Dorf Albiez-Le-Vieux bei Saint-Jean-de-Maurienne, konstruierte der achtzehnjährige Joseph Opinel im Jahre 1890 ein einfaches und robustes Klappmesser. Um Form und Funktion an seine Vorstellungen anzupassen und das Messer kostengünstig in Serienfertigung herstellen zu können, entwickelte er zunächst eine Vorrichtung aus einer kleinen Kreissäge, mit deren Hilfe er einen Schlitz zur Aufnahme der zugeklappten Klinge in den hölzernen Griff sägen konnte. So gelang ihm der Entwurf eines sehr handlichen und zudem preiswerten und haltbaren Arbeitsmessers für die Hosentasche, das sich im von der Landarbeit geprägten Savoyen gut verkaufte. Bereits 1896 stellten drei angestellte Handwerker täglich 60 Exemplare her. Im Jahre 1901 war die elterliche Werkstatt zu klein für die Messerproduktion geworden, so dass Opinel im gleichen Ort eine größere Werkstatt baute, in der er fünfzehn Mitarbeiter beschäftigte. Hier gab es erstmals einen Dynamo für die Stromversorgung. 1909 registrierte Joseph Opinel sein Markenzeichen, die gekrönte Hand, zur Kennzeichnung seiner Produkte.
Vertrieben wurden die Messer zunächst über “Klinkenputzer”, die damals über Land reisten und die Bevölkerung mit Kurzwaren belieferten – Josephs Onkel Victor-Amédée war selbst ein solcher. Bald schon erschloss Opinel aber weiter reichende Vertriebswege und begann den Export der Messer in die Nachbarländer Italien und die Schweiz. 1911 nahm er mit seinen Produkten an der internationalen Ausstellung in Turin teil und erhielt eine Goldmedaille für seine Arbeit.
Ab 1920 erfolgte die Produktion in einer neuen Manufaktur in Cognin bei Chambéry. Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges wurden 20 Millionen Exemplare verkauft. Sitz und größter Produktionsstandort der Firma ist seit 1973 Chambéry. Die Firma ist bis heute im Opinel’schen Familienbesitz und wird von Denis Opinel, einem Urenkel Joseph Opinels, geleitet. In Saint-Jean-de-Maurienne betreibt man heute ein „Opinel-Museum“ (Le Musée de l’Opinel). Opinel beschäftigt heute an den beiden Produktionsstätten Cognin und Chambéry rund 100 Mitarbeiter. Mit Hilfe automatisierter Fertigungsprozesse werden jährlich vier bis fünf Millionen der Klappmesser für den weltweiten Vertrieb hergestellt.
Das ursprüngliche, bis heute produzierte Modell ist aus den für seinen Herkunftsort typischen Materialien hergestellt: Der Griff entsteht aus dem Holz der Buche, die Klinge wird aus Kohlenstoffstahl, wie er im 19. Jahrhundert vielerorts in Frankreich von lokalen Eisenhütten hergestellt wurde, geschmiedet. Dieser thermisch gehärtete Messerstahl hat einen Kohlenstoff-Anteil von 0,9 Prozent. Ein solcher Werkstoff ermöglicht der Klinge eine hohe Schärfe und Zähigkeit, führt aber auch zu höherem, wenn auch gleichmäßigem Verschleiß, der regelmäßiges Nachschärfen erforderlich macht. Da dieser Stahl weder Chrom noch Carbide enthält, zeigt die Klinge nach Kontakt mit Säuren Anlauffarben. Sie sollte nach Gebrauch abgetrocknet und im Idealfall mit etwas Öl behandelt werden, um Rost zu vermeiden.
In den letzten Jahren brachte Opinel zahlreiche Variationen des Basismodells auf den Markt. Dabei wurden auch edle Holzarten wie Eiche, Walnuss, Olive, Rosenholz und gebeizte Hainbuche verwendet, ebenso andere Materialien wie etwa Horn vom afrikanischen Rind. Rostfreie Klingen sind ebenfalls erhältlich. Sie sind beim ziehenden Schnitt auf unterem Niveau schnitthaltiger als die Kohlenstoffstahlklingen, erreichen jedoch nicht deren Schärfe. Auch lassen sie sich aufgrund der enthaltenen Carbide schwerer schleifen. Ein “Luxus-Opinel” ist die Variante mit Bubinga-Holzgriff und rostfreier Klinge.
Der Aufbau des Opinel-Messers ist sehr einfach, denn es besteht aus lediglich vier beziehungsweise fünf Bauteilen: Eine Klinge, ein hölzerner Griff, ein Drehzapfen zum Klappen der Klinge, eine Blechmanschette am vorderen Ende sowie darüber (außer im Falle der kleinsten Modelle bis Größe n°5) ein drehbarer Sicherungsring („Virobloc“). Mit diesem kann man die Klinge im offenen Zustand arretieren, um Verletzungen der Hand durch unabsichtliches Zuklappen des Messers zu verhindern. Der patentierte, im Jahre 1955 eingeführte Sicherungsring ist ringförmig ausgebuchtet und wird so vom Drehzapfen als Manschette um den Griff geführt. Er ist nicht absolut zylindrisch geformt, sondern klingenseitig leicht abgeschrägt, um eine Lockerung der Klingenarretierung im Gebrauch zuverlässig auszuschließen. In den letzten Jahren entwickelte man diesen Mechanismus weiter, so dass er nun auch die Klinge im geschlossenen Zustand gegen unbeabsichtigtes Öffnen blockieren kann.
Die elegante Klingenform ist an ein traditionelles, als yatagán bekanntes Design angelehnt. Das Griffende erinnert an die Form eines Fischschwanzes, ein Element der besonderen Eignung als Anglermesser, da sich gefangene Fische mit der Griffkante schnell und waidgerecht durch einen Schlag töten lassen. Auch lässt sich die Klinge durch Klopfen mit der klingenseitig hervorstehenden Kantenspitze auf einen festen Gegenstand leicht aus dem Griff ausklappen.
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Es gibt inzwischen eine Vielzahl verschiedener Modelle. Einige davon haben eher Sammlerwert als praktischen Nutzen, so gibt es mit dem „Géant Opinel“ eine überdimensionierte Version mit einer 22 Zentimeter langen Klinge, die im ausgeklappten Zustand eine Messerlänge von über 50 Zentimeter ergibt. Schmalere und längere Modelle eignen sich zum Filetieren von Fisch. Es gibt Werkzeuge wie eine Hippe für den Gartenbau oder eine Klappsäge. Auch Küchenmesser und Besteck ohne Klappmechanismus werden unter der Marke Opinel vertrieben. Angelehnt an das klassische Modell ist in der Größe n°7 auch ein Messer für Kinder ab fünf Jahren (Mon prèmier Opinel - Mein erstes Opinel) erhältlich, dessen Spitze abgerundet ist.
Das in den USA auch als „French Knife“ bekannte Standardmodell ist im Museum of Modern Art in New York City ausgestellt. Im Jahre 1985 wurde es im Rahmen einer Ausstellung über Produktdesign im Victoria and Albert Museum in London präsentiert.
Das Symbol der main couronnée („die gekrönte Hand“) war bereits auf den ersten Opinel-Messern eingestanzt. Später wurden die Worte OPINEL und FRANCE hinzugefügt, ebenso wie INOX („rostfrei“) bei Klingen aus rostfreiem Stahl.
Das Hand-Symbol wurde dem Stadtwappen von Saint-Jean-de-Maurienne entnommen. Die heilige Thekla soll im 6. Jahrhundert drei Finger der Hand von Johannes dem Täufer aus Alexandria als Reliquie in den Ort gebracht haben. Die Krone symbolisiert das Herzogtum Savoyen.
Das klassische Opinel wird in zehn Größen, nummeriert von 2 bis 12, vertrieben:
n°2: Klinge 3,5 cm n°6: Klinge 7 cm n°10: Klinge 10 cm
n°3: Klinge 4 cm n°7: Klinge 8 cm n°12: Klinge 12 cm
n°4: Klinge 5 cm n°8: Klinge 8,5 cm n°13: Klinge 22 cm
n°5: Klinge 6 cm n°9: Klinge 9 cm
Das Messer n°8 ist das wohl populärste Opinel, mit einer für die meisten Anwendungen handlichen Größe. Es kann als Schnitz- oder Allzweckmesser benutzt werden, jedoch ist es für grobe Aktivitäten ungeeignet. Aber auch die größeren Modelle sind gut für die Küche oder für das Campen geeignet.
Das Opinel-Messer ist seit langer Zeit ein Gegenstand der französischen Alltagskultur, mit dem Stellenwert einer modernen Ikone. Die Bezeichnung Opinel wurde als Eponym in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen und wird beispielsweise in deutsch-französischen Wörterbüchern mit „das Klappmesser“ übersetzt.
Das Design des einfach konstruierten Opinel, das inzwischen seit über einem Jahrhundert im Wesentlichen unverändert verkauft wird, gilt als klassisch. Opinels sind handlich, leicht und im Falle des Verlustes preiswert zu ersetzen. Gut gepflegte Messer können eine lange Lebensdauer erreichen, wobei Stahlklinge und Holzgriff im Alter meist eine Patina erhalten.
Einer der Vorteile der simplen Konstruktion und Herstellung ist der geringe Preis des Opinels. Andere „klassische“ Messer wie das Laguiole oder das Nontron sind deutlich teurer. So bietet sich der Erwerb mehrerer Exemplare, vielleicht in unterschiedlichen Größen, Farben oder Materialien etwa für Sammler an. Der niedrige Preis ermöglicht auch den Vertrieb in Geschenkboxen mit mehreren Messern oder als Werbegeschenk mit Firmenaufdruck. Einige Besitzer nutzen die Messer sogar als „Rohmaterial“ für eigene Kreationen, indem sie etwa den Griff durch Schnitzen oder Pyrographie (Einbrennen von Symbolen und Schrift) umgestalten.
Während die Messer in Italien und in der Schweiz schon seit 1914 erhältlich sind und seitdem auch dort weite Verbreitung fanden, wurden sie erst ein halbes Jahrhundert später in größerem Stil nach Österreich und Deutschland exportiert, weshalb sie hierzulande weniger bekannt sind, sich jedoch in letzten Jahren vor allem unter Outdoor-Freunden einen Namen gemacht haben.


