#12: Lieblingsdinge von Christian Ganzer

Mai 18, 2009 by Henry Jakob Schmidt  
Abgelegt unter Blog & Magazin, Lieblingsdinge

Lieblingsdinge von Christian Ganzer, *1968, Mediengestalter, München

Oranges Telefon

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Dieses Telefon erbte ich 1989 von den Vormietern. Es begleitet mich seitdem. Ich schätze, es war damals schon mindestens 15 Jahre alt. Auf der Unterseite steht “Post FeTAp 61″. Auf der Rückseite habe ich später sogar eine Modem-Buchse eingelötet, so dass ich in den Studenten-WGs das Telefon am langen Kabel mit an den Schreibtisch nehmen und dort meinen Rechner einstöpseln konnte. Meinen Kindern kann ich an diesem Telefon eine Wählscheibe zeigen. Telefoniert wird in der Familie allerdings meistens mit dem modernen schnurlosen Telefon. Wenn es klingelt und das schnurlose mal wieder nicht zu finden ist, dann gehen wir ans orange. Wie man sieht, ist es schon ein paar Mal geklebt, das Plastik wird mit den Jahrzehnten mürbe. Ich hoffe, es hält noch eine Weile durch.

Hersteller: Post? Siemens? •  Quelle: Post bzw. Vormieter • Material: Kunstoff, Metall • Produktionsjahr: ca 1975 • Nutzung: seit 1989

Lundia Regal

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Meine Lundia-Regale habe ich schon seit fast 25 Jahren. Sie kosten zwar ein vielfaches der Möbelhaus-Nachbauten, sind im Gegensatz zu diesen aber praktisch unzerstörbar. Und man kann immer noch passende Teile zum Anbauen nachkaufen. Ursprünglich aus unlackiertem Holz, mussten die Seitenteile in den 80er-Jahren von mir dringend schwarz lackiert werden (Japan-Style passend zum futonartigen Bett auf dem Fussboden…) Das ist gottseidank nicht mehr zu sehen. Sie wurden schon viele viele Male ab- und wieder aufgebaut. Einmal habe ich so ein Regal sogar mit dem Fahrrad umgezogen: Bretter im Rucksack und Leitern über der Schulter! Mit Billy versucht man das besser nicht…

Hersteller: Lundia •  Quelle: Lundia Fachgeschäft • Material: Holz • Produktionsjahr: ca 1984 • Nutzung: seit Mitte der 80er (immer wieder dazugekauft)

Läufer Plast
ld_grisi_laeufer_webVon der ersten Schulklasse an ärgerte ich mich über Radierer: entweder sie waren bunt, in der Form von Lutschern oder Glühbirnen und radierten garnicht, sondern verschmierten den Bleistift bloss. Oder sie waren aus zwar professionell aussehendem rotem und blauen Gummi aber rauhten das Papier derart auf, dass Tinte und Filzstift im Übermalungsfalle total verliefen. Viel später entdeckte ich den einzig wahren Radierer, den Läufer Plast. Den Radierer, der einfach radiert. Er wird weder vom Hersteller speziell angepriesen, noch ist er besonders teuer. Der Clark Kent unter den Radierern. Ich wundere mich, dass er nicht schon längst die Weltherrschaft im Radiergummisektor angetreten hat. Finstere Mächte scheinen das zu verhindern. Apropos: Meistens verschwinden geniale Produkte, die ich für mich entdeckt habe, kurze Zeit später vom Markt. Den Läufer Plast gibt’s aber immer noch. Er ist vielleicht unscheinbar genug um unter dem Radar des Zeitgeists und der Moden hindurchzuradieren.

Hersteller: Läufer •  Quelle: Schreibwarenhandel • Material: (Radier-)Gummi • Produktionsjahr: 2000? • Nutzung: seit der Schulzeit immer solange bis er aufgebraucht ist

Pelikan Wasserfarbkasten

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Irgendwann als junger Mensch fängt man an, seine “Individualität” ausdrücken zu wollen. Das beginnt oft damit, dass man den (quasi) Standard-Schulranzen nicht mehr haben will, sondern lieber einen lässigen Rucksack. Wenn dann später alle einen Ruckssack haben, eskaliert dieser Wunsch nach Otherness weiter bis hin zu selbstgebastelten Behältern, einer Alditüte und schließlich nichts (einem Gummiring um den Ordner herum). Wer Geschmack beweisen will, trumpft zwischendurch z.B. mit der “Arzttasche meines Großvaters” auf. Diese hatte ich nicht zu bieten, dafür aber den Farbkasten meines Vaters aus Blech von Pelikan mit 6 Farben. Auf diese Weise konnte ich mich meiner Umwelt gleichzeitig als Minimalist zu erkennen geben, denn der durchschnittliche Mitschüler hatte damals schon den doppelstöckigen Plastikmalkasten mit 24 Farben. Pelikan hat (wohl unter dem schädlichen Einfluss von Unternehmensberatern) in den letzten Jahrzehnten mehrfach die Form seiner Ersatznäpfchen geändert, zuletzt zu grau/eckig. Die einfachen runden gab es aber lange Zeit noch. Und tatsächlich bin ich mit den 6 Farben prima ausgekommen und habe mich bis durchs Kunstabitur damit gemalt. Manchmal kann Minimalismus so einfach sein.

Hersteller: Pelikan •  Quelle: Schreibwarenhandel • Material: Metall, Kunstoff • Produktionsjahr:? • Nutzung: seit der Schulzeit

Fadenzähler

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Wenn ich mir als Kind mal wieder einen Holzsplitter eingezogen hatte, kam diese Lupe zum Einsatz. Dann hiess es Zähne zusammenbeissen, bis mein Vater die Operation mit Nadel und Pinzette beendet hatte. Weil man sich ausserdem beim Aufschnappenlassen die Finger in den Scharnieren einklemmen konnte, war sie gleich doppelt mit Schmerzen verbunden. Trotzdem liebte ich die Lupe und wusste durch sie schon als kleines Kind, dass die Fotos in der Zeitung aus Punkten zusammengesetzt sind. Um das Sichtfeld herum sind Skalen. Diese Lupe ist nämlich eigentlich ein “Fadenzähler”, ein Werkzeug aus dem Textil- und Druckgewerbe. Ein Onkel, der Drucker war, hatte sie uns mitgebracht. Kast + Ehinger GmbH ist, wie ich erst jetzt weiss, eine Druckfarbenfirma. Wahrscheinlich war der Fadenzähler ein Werbegeschenk dieser Firma an die Druckerei.   Hergestellt hat ihn den 60er Jahren schätzungsweise noch eine Werkzeugmacherei aus Stuttgart und nicht aus China. Dieser Fadenzähler müsste bei mir definitiv in der Dose sein, die die wunderbare Amelie für mich in der Telefonzelle deponiert.

Hersteller: ? •  Quelle: Kast + Ehinger GmbH • Material: Metall • Produktionsjahr: 7oer • Nutzung: seit über 30 Jahren

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